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Donnerstag, 3. Juli 2008

Hirnzehen

Zehen tasten am feuchten Boden nach Griff,
Zunge nach Zahnbelag in dem Verlangen
nach Rauch, der zum Husten zerreißt,
damit der Magen die Stöße des Hungers leichter erträgt.

Den Zehen bleibt die Last des Begreifens,
des Tastens auf nassem, glitschigen Boden.
Doch sie sind eingewachsen, die Nägel der Zehen,
und so schmerzt jeder Schritt.

Auch die Gedanken sind eingewachsen
über den Ohren in die Schädeldecke,
auf der die Stadt liegt,
die auf der Stadt liegt,
durch die die Stadt zieht,
aber kein Himmel!

Kein Himmel
über der Schale aus Knochen.
In Fleisch gehüllt, vom Blutstrom umpulst,
hockt Empfindung schleimig hinter brennendem Atem.

Die Sandalen werd’ ich zum Schlachthof bringen
oder zum Schuster
oder zu einem, der den Hammer schwingt
und zu Brei oder Bröseln zermalmt
die Nägel, die Zehen oder auch die Hirnschale,
vielleicht auch den Himmel.
Wo ist denn schon der Unterschied?


Freitag, 07. Juli 2006

Moritat

Heiser am Kai unter Brücken
weitet der Schrei sich
ins giftige Spritzen der zahnkrummen Brecher.
Doch am Abend ertragen die Balken,
sich schämenden Müttern gleich,
die brütende Dunkellast weinwund gedunsener Leiber,
bedeckt von des Tages Gekeife
im ungelesenen Druck,
der zerläuft im Kondenstrauf
verlorener Flüche.

Wer sich naht
kennt wohl nicht die Verdammung,
die durch dumpfschiele Hirne
mit dem Harndrift
bei gelöschten Laternen sickert
und den Stolperstein stösst
an des Eindringlings Wade,
der erstaunt erst sich anschickt
vom Sturz sich zu heben,
als die Klinge schon dringt in sein Blut.


Donnerstag, 09. November 2006

Schwächling

Es war bei Nacht, mich quälte der Gedanke,
ob ich getan, was man von mir verlangt,
was ich gefürchtet und wovor gebangt.
Da senkte sich auf mich die dunkle Schranke.

Die Gutes von mir wollten ohne Danke,
mit Peitschenhieben wurden sie bedankt.
An meinem Hasse war ich so erkrankt,
dass er mich niederschlug mit blinder Pranke.

Vor Schmerzen brüllend stürmt ich durch die Gassen.
Mit schwarzen Masken schreckten mich die Massen.
Ich schrie und schlug die Hände vors Gesicht.

Ich eilt zurück ins wohlvertraute Haus.
Die Decke übern Kopf schlief ich mich aus.
Der Morgen kam. Der Traum zerschmolz im Licht.


Mittwoch, 26. Juli 2006

Auch ein Sterbender im Feld

Ob es wohl ein altes Lied war,
das er,
unhörbar für die anderen,
sang mit kaum bewegter Lippe,
sang durch den keuchenden Atem,
den blutigen Husten,
indes die scharrenden Nägel
kratzender Finger
sich in der schwarzen Erde krümmten.

In den trockenen Spalt
der lastenden Lider
drang rot
der stürzende Horizont.

Liebe Fensterlein?
lispelten seine Lippen,
wie wahr!
Doch dunkel stieg herab
von den fernen Hügeln
bereits der hungrige
Schnitter.


Freitag, 01. September 2006

Drehkreuz

Der Zug, er nähert sich dem Ziele.
Im Wasserkessel fröstelt Wasser.
Der Fahrgast denkt schon an Kaffee.

Der Wasserkessel wärmt das Wasser.
Der Fahrgast hat bereits bestellt.
Der Zug hat fast sein Ziel erreicht.

Der Fahrgast wartet noch geduldig.
Der Zug erreicht, durchquert sein Ziel.
Im Wasserkessel dampft das Wasser.

Der Zug fährt aus dem Ziel ins Ungewisse.
Vom Kessel durch den Filter zischt das Wasser.
Der Fahrgast schließt die Augen beim Kaffeegenuss.

Der Wasserkessel ist vertrocknet.
Der Zug erstickt im schienenlosen Nichts.
Vom Fahrgast gibt es keine Spuren.


Sonntag, 29. Oktober 2006

hebt an zu singen

„...hebt an zu singen...“
las ich irgendwo,
vielleicht bei Kramer
doch weiß ich es nicht mehr.
Ist auch nicht wichtig,
da ich immer singe,
wenn ich ein Glas getrunken,
auch wenn dies Singen nur in meinem Kopfe dröhnt,
da jene, die sich um mich drängen,
nur ihren eignen Lärm genießen
und nicht auf meine Stimme achten.

Hoch lebe Wein, hoch lebe Schnaps!
Ich denk', ich hab's:
weit ist der Himmel,
wild mein Herz!
Es atmet Freiheit meine Brust,
und mit dem Schicksal
such' ich nicht zu hadern.

Heia, Poppeia!
Ich drück' dich ins Stroh
Sausewind, Trauerkind,
Luftschlösser wollen wir bauen,
wenn die Liebe dir die Augen beringt,
und der Regen verlegen rauscht.
Verlogen funkelt ein Regenbogen,
Rosen und Wolken
sind lang schon verzogen
Lauscht nur und senkt den Kopf der Widder
und bestoßt die Splitterwand.

Pan bin ich und Herr der Herden,
Wald und Wiese, Strauch und Feld!
Schwanken etwas meine Knie?
Dreh den Kopf zu Schreckgebärden,
lass die Pulse springen, frieren,
dass sie gläsern kristallieren
und die Welt zu Schnee verfällt!

Singendes jauchzendes Herz
Jauchzender Herzgesang,
Echo verkündender Pilgergang,
Aufschlag der Augen, himmelwärts:

Hörst mich vielleicht, Du dort oben?
Sei meiner Sünde gnädig,
da ich im Rausche mich bade,
und flehe um Gnade
für die Welt,
Wehe...


1. Dezember 2006

Begegnung auf der Uferstraße

Was hat er noch in unsrer Welt verloren,
der müde Alte, den wir Gott einst nannten,
wenn wir in dunklen Kirchenhallen
die Kerzen feierlich ihm angezündet?

Das helle Land seh ich vorüberziehen,
schwer liegt der Dunsthauch auf den Wassern,
und in den fernen Fenstern spiegelt sich,
vielleicht, ein Himmel.

Kaum ein Passant noch auf den Seitenwegen,
indes auf breiter Straße dicht gedrängt
folgt Auto hinter Auto,
benzingetrieben, dieselschluckend.

Selbst durchs geschloss’ne Fenster
dringt Motorenlärm, zu dem verstärkt
sich noch gesellt das dumpfe Dröhnen
aus Musik und Schlagzeugvibration.

Wenn ich dann überrascht ein schwarzes Bündel
von ferne zu erkennen meine,
das mühsam auf den Stock gestützt
sich in den frühen Abend langsam schleppt,

halte ich an und laufe zur Begegnung jener,
die mir als alte Frau,
als müder Alter,
entgegen tritt.

Ich blicke in ein zeitenloses Angesicht,
in Augen blicke ich,
die der Liderdeckel Falten
kaum verhüllt,

doch ohne zu verhalten geht vorbei an mir
mit mühsam angehobenen Schritten
der Fremde
hin zu einem Ufer

wo er den Vögeln
und den Hunden
lächelnd – doch ich seh es nicht -
Nahrung streut.


12. Jänner 2007

Klagenfurt, schneeloser Jännertag

Der weite Platz, auf dem die alte Steinskulptur
nicht mehr erschrecken will,
da selbst des Ungeheuers Dräuen
als Wasserspeier ist verstummt,
er fröstelt unterm Raureifmantel,
den ihm der frühe Morgen angelegt.

Kaum heben ihre Blicke spärliche Passanten,
die noch den Nachtdunst auf den Stirnen tragen,
wenn sie mit Vorsicht
auf dem glänzend glatten Pflaster,
auf dem ein Sturz mit Knochenbrüchen droht,
zu ihren Arbeitsstätten hasten.

Dann spielen den gewohnten Rot-grün Wechsel
ringsum die Ampeln und die Autos kreisen
vorbei an Schaufenstern, Geschäftportalen,
die noch im Weihnachtsschmucke glitzern.
Ein fettes Bettelweib sucht erste Opfer,
und Duft von Röstkastanien weckt den Tag.


Donnerstag, 11. Januar 2007

Place de Clichy

Röchelnd aus der Metro aufgeriss'nen Schlünden
tauchen auf und stürzen hastig ins Gemenge
auf den Straßen, die von allen Seiten münden,
Menschenmassen, während andre durch die Gänge,
die zur U-Bahn führen, drängend sich beeilen.

Der Boulevard kann kaum den Fahrzeugbrei zerteilen.
Mit langen Armen schiebt er rote Autobusse
durch brodelndes Gewühle nach der Vorstadt hin,
zum Zentrum auch, nur weg von sich, doch bleibt zum Schlusse
es unverändert so wie es am Anbeginn.

Die breiten Scheiben der Veranden der Bistros
sie hemmen kaum den Lärm, der von der Straße dringt.
An Tischchen hocken die Touristen dos-à-dos,
man lacht und freut sich, dass man hier ist, und man trinkt,
sagt Olala! How great! und zeigt mit nacktem Finger

zur andern Straßenseite, wo die jungen Dinger
wie Bienenschwärme drängen aus dem Tor der Schule,
beäugt von einer Horde Burschen voller Gier.
Dann Hand in Hand verschwinden Heteros und Schwule
und suchen in der Pizzeria ihr Pläsier.

Bei Coca Cola, Zigaretten oder Joint
beschließt man leicht, mit wem und wo sich amüsieren.
Wer dabei übrig bleibt, vielleicht hinüberstreunt
zum Filmpalast, im dunklen Saale zu riskieren
vom Nachbarsitze her ein Tasten nach dem Schenkel.

Man schließt die Augen und vergisst des Tags Geplänkel...
Umspült von Lärm, verseuchter Luft und Schmutz bedrängt,
schweigt vornehm und gelassen eine Brasserie,
in der wie leises Wehen ein Erinnern hängt
an jene Zeit der stillen Tage in Clichy.


Montag, 19. Februar 2007

Siebenunddreißig Milliarden

Weißt du, was ein Beku ist?
Wenn du zu jener Zeit,
da in der Schule man dich plagte
mit Addi oder Division
schon Horror vor den Ziffern hattest,
dann will ich dir jetzt zugestehen,
dass du damit im Rechte warst!

Bedenk nur einmal, wenn ein Mensch,
so friedlich er auch sei,
in seinem Leibe davon etwa zehn mal Tausend trägt,
doch, weil der Doktor es verschrieb,
sich seinen Hals, beziehungsweise Thyroide,
mit Isotopen, die den Bildschirm blinzeln machen,
untersuchen lässt,
dann werden ihm sogleich
rund siebenunddreißig Milliarden an Bekus
verabreicht,
also rund das Viermillionenfache dessen,
was sonst er mit sich trägt!

Du hattest Recht mit deinem Horror,
denn…
ach ja, das Beku steht
für das Zerfallen eines Nuklids, des Atomkerns,
pro Sekunde und ist nach Becquerel benannt.

Samstag, 24. Februar 2007
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